Historischer Moment auf Sylt: So einsam ist Sylt selbst am Ellenbogen im Januar nicht:

Unser Sylter Freund Ben, gerade zwölf Jahre alt, rappt über seine ganz persönliche Corona-Zeit im Lockdown auf seiner Heimatinsel im Meer.

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Kreativität entsteht aus Spannung, aus Energie, aus Störungen, vor allem auch aus Leidenschaft. Aber wieviel Spannung erträgt der Mensch gerade, um der Kreativität Raum zu geben? Auch im Vertrauten prallen plötzlich Welten aufeinander: Die einen tun, als laufe für sie alles super weiter und schon in Mai werde man alles vergessen haben. Die anderen kämpfen um ihre Existenz oder im Spagat zwischen Homeschooling und Office. Wir kaufen bei Aziz im Kiosk, der tapfer öffnet, erkundigen uns, ob der Fensterputzer noch genug Aufträge hat, holen den Besuch im Charivari-Puppentheater über Youtube nach und ich freue mich, dass die Friseure Lydia und Martin sogar fragen, ob sie für blonde Strähnen vielleicht Farbe vor die Tür stellen sollen.

Wie wird das Konstruktive konkrete Zukunft?

Mit eindimensionalen Antworten werden keine komplexen Aufgaben gelöst. Können wir inmitten von harten Zahlen des exponentiellen Wachstums an visionäre Weltverbesserung denken?

Natürlich, ganz pragmatisch! Stück für Stück. Hunderte stehen spontan nach dem Aufruf zur Blutspende bereit, in der Nachbarschaftshilfe gibt es anscheinend mehr Angebote als Nachfrage. Matheformeln und Faktencheck können täglich trainiert werden.

Eine starke Unternehmenskultur macht allen Beteiligten nicht nur mehr Freude, sondern bringt mehr Leichtigkeit in die Zusammenarbeit.

Gute Zusammenarbeit scheitert nicht am Online-Meeting, an Videokonferenzen oder am mobilen Arbeiten. Gute Zusammenarbeit zeigt sich im Büro genauso wie online als Teil einer lebendigen Unternehmenskultur. Ein Videoknigge kann Formalitäten regeln. Das Spürbare für Kolleginnen und Geschäftspartner zeigt sich anders: Zuhören, anschauen, verstehen wollen, offen sein, und als Voraussetzung vor allem: Vertrauen. Die gemeinsamen Werte und Regeln, die Haltung, Respekt und Wertschätzung – dies alles zeigt sich im Handeln. Natürlich braucht es auch persönliche Treffen und nichts geht über die Intensität, die spürbare Energie. Aber die Haltung spüre ich am Telefon genauso wie online oder persönlich. Räumt jemand gerade seinen Schreibtisch auf während er mit dem Gegenüber telefoniert? Werden parallel E-Mails gecheckt? Ist die ganze Aufmerksamkeit im Videomeeting da?

Heute schon geblinkt?

Kommunikation ist so wichtig, um Konsens über diese gemeinsame Kultur zu erzielen, aber auch, um diesen Konsens immer wieder zu überprüfen.

Sonst ist es wie mit dem Blinken. Haben Sie in letzter Zeit mal geblinkt? Irgendwann im Januar habe ich mich gefragt, ob das Blinken im Straßenverkehr zu einem überflüssigen Kommunikationsmittel geworden ist?

Wenn sich im Unternehmen oder in einer Organisation eine informelle Ebene aufbaut, kann das zu Gerüchten und schlechter Stimmung führen, Zeit und Kosten verursachen oder sogar gefährden.

In einem Unternehmen oder in einer Organisation ist der Konsens darüber, was eine Unternehmenskultur ausmacht, ein großer Wert, der sich bezahlt macht. Dafür ist Vertrauen für größter Bedeutung. Menschen erleben viele kleine Dinge des Alltags als nicht mehr verlässlich – Höflichkeit, Verkehrsregeln, Umweltschutz, Ernährung. Umso größer ist die Sehnsucht danach, vertrauen zu können.

Vertrauen macht alles leichter

Die Definition des Soziologen Niklas Luhmann ist ja zum Allgemeingut geworden: Vertrauen reduziert soziale Komplexität oder ganz nach dem Bonmot: Ohne Vertrauen brauche ich morgens erst gar nicht aufzustehen. Schließlich kann nicht jeder auch Experte für Handwerk, Statistik, Medizin, Politik, Wirtschaft und Mobilität sein. Das Vertrauen in die Kompetenz von Experten hat – auch aufgrund der Transparenz und Selbstkritik – in diesen Wochen zu großer Besonnenheit geführt. Jetzt ist eine gute Gelegenheit zu zeigen, dass komplexe Sachverhalte nicht schwarz oder weiß sind, sondern den klugen Diskurs aus verschiedenen Blickwinkeln benötigen. Statt Gesundheit und Ökonomie als Gegenspieler zu betrachten, können Zukunftsszenarien mit einer vielfältig zusammengesetzten Kommission entworfen werden – aus Medizinern wie Virologen und Epidemiologen, Psychologen, Soziologen, Sozialarbeitern, Pflegekräften aus Krankenhaus, Hospiz, Heimen, Ökonomen, Selbständigen und Unternehmern, Vertretern von kranken oder behinderten Menschen und vielen weiteren Praxis- und Theorieerfahrenen.

Hoffentlich wird die Glaubwürdigkeit, die Experten gewonnen haben, die rechten Populisten zurückdrängen. Hoffentlich gilt das Vertrauen gutem Journalismus, geprüften Fakten, verschiedenen Experten-Meinungen, dem Diskus – damit wir in Zukunft keine Angst haben, rechtzeitig blinde Flecken zu entdecken, und Risikoszenarien ebenso mutig wie neue Zukünfte zu entwickeln.

Lesetipp

Der Schwarze Schwan: Die Macht höchst unwahrscheinlicher Ereignisse von Nassim Nicholas Taleb. Die Welt ist überraschend und manche Ereignisse sind nahezu unberechenbar. Auch was nie passieren dürfte, passiert.

Ich wollte wissen, wie es Münsters Türmerin und Künstlerin Martje Saljé in der Türmerstube hoch oben im Lambertikirchturm geht – gefragt für die na dann – Wochenschau für Münster, die nach dem Einbruch der Veranstaltungen ein Heft mit zusätzlichen redaktionellen (Gast-) Beiträgen herausbringt.

Die Türmerstube ist ein sehr besonderer Arbeitsplatz: Allein und doch im Kontakt zu den Menschen unten in der Stadt. Fühlst du die menschenleere Stadt dort in luftiger Höhe?

Es ist immer ein besonderer Ort, aber jetzt im Moment der globalen Ansteckungsgefahr bin ich mir noch mehr bewusst, wie speziell das alles ist: Ich blicke über die Stadt und es so ruhig, so leer, so friedlich – aber es ist natürlich eine trügerische Idylle.

Wie empfindest du die Aufgabe gerade als Teil einer jahrhundertelangen Tradition, was bedeutet es für dich, in dieser Zeit die Türmerin der Stadt zu sein?

Einen Teil meiner Arbeit als Türmerin verstehe ich auch als historische Recherche über die Welt, die Situation meiner Vorgänger auf dem St. Lambertiturm. Die älteste bekannte Schrift nennt Türmer im Zusammenhang mit der Brandkatastrophe im Jahre 1383. Ein Jahr zuvor wurde Münster von der Pest heimgesucht und viele Menschen verloren ihr Leben. Diese Pesterfahrungen prägten die damalige Gesellschaft (nicht nur in Münster) und sicherlich auch die Türmer auf der Stadt- und Marktkirche, die alle auch Familien und Freunde hatten. An diese Zeit denke ich jetzt gerade besonders. Auch an andere Krisenzeiten, die Münster schon überstanden hat: Die total eskalierte Täuferzeit, den Ersten Weltkrieg, die Novemberrevolution, die Nationalsozialisten und den Zweiten Weltkrieg… Wie auch immer die jetzige Zeit des neuen Coronavirus in der Zukunft beschrieben werden wird, vielleicht gibt es ja hier oder dort dann eine kleine Fußnote, dass die Türmertradition auch jetzt weiter fortgeführt wird.

Normalerweise schaust du in die Himmelsrichtungen – sind dort „Feinde“, steigt Rauch auf? Jetzt ist der Feind ein unsichtbares Virus. Auf welche Weise bewegt dich die Krise?

Ich selbst habe es ja wirklich gut, mein Arbeitsplatz ist viren- und gefahrenfrei, aber gleichzeitig geht es vielen anderen äußerst schlecht, sie verlieren ihre Anstellung, sie sind krank, sie sterben… das alles schnürt mir mitten im Gefühl der fast romantischen Ruhe auf dem Turm mitten in der Großstadt Münster die Kehle zu und ich möchte weinen.

Das Tuten des Horns in die drei Himmelsrichtungen steht für Glaube, Liebe, Hoffnung. Hat dies in diesen Zeiten eine besondere Bedeutung?

Ich bekomme viele schöne Rückmeldungen auf meine Blogartikel und oft heißt es: Das Friedenssignal sei für Anwohner*innen, die mir lauschen und meine Berichte lesen, ein Symbol für die typische münsterische Lebenseinstellung, dass hier Traditionen und Moderne in bester Synergie miteinander funktionieren, und dass es ihnen Hoffnung gebe in diesen widrigen Zeiten. Ich bin sicher, das verlässliche weltliche Hornsignal mit den verlässlichen christlichen Werten Glaube, Liebe, Hoffnung ist besonders in diesen Zeiten ein ganz starkes Symbol!

Wie hat sich dein Leben als Künstlerin verändert, was bedeuten die Absagen für dich, der Austausch mit dem Publikum?

Ich habe insbesondere in diesem Jahr 2020 neben der halben Stelle als Türmerin der Stadt Münster vollständig auf die Musik gesetzt – sonst hatte ich um den Lebensunterhalt zu sichern immer eine oder mehrere angemeldete Nebentätigkeiten (Bürojobs, Aushilfsjobs, Minijobs). Jetzt habe ich aktuell mehrere sehr gut angelaufene neue Musikprojekte – und bevor es richtig losgehen kann, werden alle geplanten Auftritte abgesagt. Schon aus rein finanziellen Gesichtspunkten wird es jetzt ziemlich schwierig, den relativ teuren Lebensstandard in Münster aufrechtzuerhalten. Und die ideellen Werte wie Lebensfreude durch Endorphine auf der Bühne und Glücksgefühle durch das Glücklichmachen des Publikums fallen jetzt auch weg, das müssen wir Künstler*innen jetzt irgendwie anders versuchen aufzufangen.

Was ist für dich der Unterschied zwischen den Veranstaltungen im digitalen Raum zum persönlichen, physischen Auftritt? 

Ich persönlich lehne reine digitale Auftritte für mich und meine Kunst, Musik und Lesungen ab. Ich brauche physisch anwesende Menschen, spürbaren Spannungsaustausch, direktes Feedback, auf das ich reagieren kann.

Aber ich habe mir in den letzten Tagen ein paar interessante Internet-Wohnzimmerkonzerte und Livestreaming-Lesungen von tollen Kolleg*innen angeschaut und genossen. Respekt vor jeder und jedem, die und der den digitalen Raum gut für sich nutzen kann!

Womit beschäftigst du dich in dieser Zeit ohne Auftritte, gibt es dennoch Raum für Kreativität?

Ich schreibe Songs und Gedichte, halte meine Flossen auf den diversen Instrumenten fit und habe sogar wieder angefangen, mehr Klavier zu spielen – Notenliteratur, die ich zuletzt als Kind angeschaut hatte. Mit meinem Freund Freddy Fretless habe ich letztes Jahr eine CD aufgenommen, diese Songs gehen wir jetzt noch einmal durch, um bereit zu sein, sobald es wieder Auftrittsgelegenheiten gibt. (Die CD mit Türmer-, Münsterliedern und einem Chanson gemeinsam mit der tollen Sängerin und Schauspielerin Christiane Hagedorn kann übrigens direkt bei mir per Mail an martjesalje@icloud.com bestellt werden, das nächste Weihnachten kommt bestimmt, wo man ein solches Geschenk brauchen könnte!) Auch die anderen neuen Projekte ruhen derzeit, aber wir schreiben weiter am Programm und tauschen uns per Mail und Messenger aus – Surftipp: De Plattköppe, Songs up Platt, www.plattkoeppe.de). An meinem Türmer-Buch schreibe ich auch gelegentlich weiter, darin trage ich alles zusammen, was ich über meine Vorgänger auf St. Lamberti finden konnte, kleine und große Informationen über die interessanten Persönlichkeiten der Türmer von Münster. Das Buch wird aber noch etwas Zeit brauchen, da ich ganz genau und besonders schön schreiben möchte, es ist ein recht ehrgeiziges Langzeit-Projekt. 

Ist die mittelalterliche Zahlenmagie gerade ein Thema für dich?

Immer! Morgens freue ich mich auf die abendliche Turmzeit, und die Mystik der Zahlen beginnt mit dem Aufschließen der Turmtür: Jede Stufe hinauf wird gezählt. Meditation pur. Oben erhält jedes Signal zur vollen und halben Stunde seine eigene Bedeutung – die Hohe Kunst des Tutens; die 3 ist Bestandteil jedes vollen Friedenssignals, Glaube, Liebe Hoffnung UND: Vater, Sohn, Heiliger Geist… das ist ungemein tröstend. Tuten tut gut!

Turm-Blog: www.tuermerinvonmuenster.de 

Münster-Musik: www.martjesalje.blog