Vertrauensvolle, neugierige Delphinfamilie im Atlantik bei La Gomera

So agil hätte kein Projekt geplant werden können: (Virus-)Not hat erfinderisch gemacht. Ist Arbeit 4.0 zum Arbeitsalltag im Frühjahr 2020 geworden? Das virtuelle Führen von Teams, Homeoffice oder der Einsatz von digitalen Meeting-Tools wurden dem Praxistest unterzogen. 

Jetzt geht es vom Home ins Office. 

Es ist also Zeit sich anzuschauen, welcher Gewinn aus den Erfahrungen gezogen wird: Was bleibt, was ist verloren gegangen, wie geht es besser? 

Was bedeuten diese Erkenntnisse bezogen auf New Work? Es sind wohl nicht die technischen Hürden, die vielleicht zu Anfang Kraft kosteten. Diese Lernkurve setzt wichtige digitale Impulse. Aber Digitalisierung ist eben nicht nur Technik. Schon Steve Jobs wurde nicht müde, dies immer wieder zu sagen.

Die Erfahrungen der Corona-Arbeitsbedingungen lassen Rückschlüsse auf die Arbeitskultur zu und machen es möglich, diese Potenziale zu entfalten. Frederic Laloux , der New Work vorausgedacht hat („Reinventing Organizations“), betont, dass Menschen gestalten und anders zusammenarbeiten möchten. Homeoffice und der Umgang mit den digitalen Medien sind noch nicht die Antwort auf die Fragen der kulturellen Transformation in unserer VUCA-Welt (Volatility – Uncertainty – Complexity – Ambiguity). 

Modernes Arbeiten erfordert hohe Kommunikationsfähigkeit, Flexibilität und Eigenverantwortung. Menschen brauchen das Feedback, die Wertschätzung und die Ermutigung, dass ihre Arbeit zum Erfolg des Unternehmens beiträgt, wie verschiedene Studien wiederholt zeigen. Führungskräfte können dieses Potenzial ausbauen. Es ist die Voraussetzung dafür, dass Menschen sich mit ihrem Betrieb in hohem Maße identifizieren und entsprechend selbst motiviert sind, sich für den gemeinsamen Erfolg und die Ziele einzusetzen. Es ist die Voraussetzung für die flexible Orientierung am Markt.

Viele Führungskräfte mussten sich selbst angesichts ihrer virtuellen Teams die Vertrauensfrage stellen: Gelingt das Vertrauen in das selbstbestimmte Arbeiten der Teammitglieder, also auch das Vertrauen in die Souveränität von Arbeitszeit,-ort und Pausen? Eine Reflektion über die Erfahrungen dieser Monate ist ein weiterer Schritt zu den flexiblen Wertschöpfungsprozessen der Arbeit 4.0, zu einem innovativen und kreativen Umfeld. 

Vertrauen ist ganz wesentlich die Voraussetzung für Krisenmanagement. Es braucht Vertrauen, um mutig Risikoszenarien zu entwickeln und keine Angst vor dem Wort „Krise“ zu haben. Es braucht Mut, um Risiken zu identifizieren und durch Prävention abzuwenden oder mindestens sehr gut vorbereitet zu sein.

Dies kann schon in kleinen Schritten starten mit Fragen wie: 

„Wo ist Präsenzkultur gefragt, wann sind digitale Treffen gut?“

„Wann sind digitale Pausen nötig?“ 

„Welche digitalen Werkzeuge der Zusammenarbeit müssen trainiert werden?“

„Ist das Angebot an Online-Schulungen und Webinaren ausreichend?“

„Bleibt der Teamgeist erhalten?“

„Fühlen sich die Mitglieder der virtuellen Teams noch eingebunden in den Betrieb und damit in die Unternehmenskultur?“

„Wie kann ich die Kommunikationsfähigkeiten stärken?“

„Haben wir Risiken erkannt und können uns jetzt sehr gut darauf vorbereiten?“

Lesetipp:

Frederic Laloux: Reinventing Organizations – das Grundlagenbuch für Organisationsentwicklung

Michelle Obama: Becoming – die emotionale, ermutigende Biografie der (leider nicht mehr aktuellen) First Lady der USA

Jutta Allmendinger und Jan Wetzel: Die Vertrauensfrage. Für eine neue Politik des Zusammenhalts.

 

Die Aaseekugeln strahlten hell an diesem Sonntag im April. So hatte es sich der Künstler Claes Oldenburg wohl vorgestellt. Das musste sofort festgehalten werden. Schade, keine 24 Stunden später waren sie auch schon wieder beschmiert. Zwei Kilometer entfernt hat Donald Judd, einer der Hauptvertreter des Minimalismus, für die erste Skulpturausstellung 1977 in Münster zwei konzentrische Ringe aus Beton am Aaseeufer geschaffen. Die Skulptur ist auf diese Lage am Aasee ausgerichtet – im Innern ist der Betonring horizontal, der äußere Ring folgt dem schrägen Abhang. Dieses Kunstwerk ist eigentlich gar nicht mehr zu erkennen. Provozieren die Flächen dieser Kunstwerke so sehr oder kennt die Selbstdarstellung keine Grenzen?

Was soll das eigentlich: Im Wienburgpark markieren Besucher ihr Revier und hinterlassen an der Stelle, wo mal Abfalleimer, jetzt aber nur noch die leeren Metallaufhängungen sind, ihren Müll. Abfälle und rote Hundek…beutel leuchten dort um die Wette. Einer fühlte sich wohl ganz spitzbübisch und platzierte den gefüllten Beutel oben auf die metallene Aufhängung. Maßt man sich hier an, eigene Regeln der Abfallentsorgung aufzustellen? Dabei dürfte die tolle Werbung der Abfallwirtschaftsbetriebe Münster doch wirklich jeden erreichen – spätestens über die Litfaßsäulen.  

Für die New Yorker Künstlerin Nicole Eisenman waren Veränderung und Verfall Teil ihrer Brunnenskulptur „Sketch for a Fountain“ 2017 während der Skulptur Projekte an der Promenade. Selbst als einer der Figuren der Kopf entfernt wurde. Die Andersartigkeit der Brunnenfiguren war diesen Unbekannten die pure Provokation.

Doch trotz dieser anekdotischen Empirie beweisen zahlreiche Experimente, Studien und der Blick in die Evolution, wie altruistisch der Mensch ist und ein durch und durch soziales Wesen. Im Gegenteil sei es sogar gefährlich, den Menschen für egoistisch zu halten. Dies belegt der junge niederländische Historiker Rutger Bregman mit seinem Buch „Im Grunde gut. Eine neue Geschichte der Menschheit“. Damit bediene man nur die Self-Fulfilling Prophecy und bekomme, was man erwartet.

In der Corona-Krise erleben wir in ganz großem Maße genau das: Gemeinsinn, Einsicht, Rücksicht, Vertrauen in Politiker, Interesse an den Wissenschaften. Ich bin sehr überzeugt von der Notwendigkeit der Einschränkungen und eher skeptisch hinsichtlich mancher Lockerungen. Der Diskurs darüber hat aber viel zu spät eingesetzt, denn eine Diskussion, zu welchem Ergebnis sie auch führt, muss einer Gesellschaft zugemutet werden. Demokratie ist Diskurs.

Wenn’s im Kleinen also unverständliches Verhalten ist, reicht auch schon mal das inneres Kopfschütteln. Um die Energie in die großen Würfe zu stecken. Denn es bleibt weiter anstrengend, die Werte zu verteidigen im Alltag, sich nicht provozieren zu lassen, erst recht nicht, wenn es um Verschwörungstheorien und Populisten geht.

Aber es lohnt sich jeden Tag aufs Neue.

Lesetipp

Gebrauchsanweisung für Populisten von Heribert Prantl

Richard Sennett: Zusammenarbeit. Der Soziologe und Historiker analysiert beeindruckend unsere Arbeits- und Lebenswelten.

Filmtipp

Der US-amerikanische Science-Fiction-Film „Arrival” von Denis Villeneuve.

Eine Linguistin, gespielt von Amy Adams, entschlüsselt das Geschenk der Aliens an die Menschheit, weil sie kommuniziert statt zu spalten: Das Geschenk ist eine neue Sprache, die nichtlineare Wahrnehmung von Zeit, eine Einladung zu kommunizieren.

Parasite – der Regisseur Bong Joon-ho hält mit dieser brillanten Satire aus dem Jahr 2019 nicht nur der südkoreanischen Gesellschaft den Spiegel vor. 

Gute interne Kommunikation und eine starke Kultur unterstützen den Informationsfluss, die Transparenz, die Nachvollziehbarkeit von Entscheidungen, die Ziele und Strategien. Sie unterstützt, Informationen zu teilen, sich mit anderen zu verbinden, für komplexe Anforderungen gemeinsam Lösungen zu finden, vor allem auch im Lernprozess zur Agilität. Kommunikation ist wichtig, damit Menschen gemeinsam Aufgaben erfüllen, damit sie zum Sinn und Erfolg einer Organisation gemeinsam beitragen und sich immer fragen: Dient das, was ich gerade tue, diesem Ziel?

Mit den ersten Erfahrungen des Maske-Tragens hat sich doch noch einmal offenbart:  Auch hinter der Maske sprechen Lächeln und Höflichkeit Bände. Man muss kein Experte in Körpersprache sein, um dies zu spüren.

In der Zusammenarbeit verringert derjenige, der sich als jemand darstellen möchte, der er oder sie gar nicht ist, die Möglichkeiten. Je weniger Energie Menschen dafür aufwenden, sich hinter ihrer „unsichtbaren“ Maske zu verstecken, desto mehr Vertrauen wächst.

Gute Kommunikation ist gutes Reputationsmanagement, auch die Stärkung von Employer Reputation. Im Dialog mit den Stakeholdern wird der Zweck eines Unternehmens genauso deutlich wie die Vorteile des Leistungsportfolios und die Besonderheiten als Arbeitgeber.

Also, Mund-Nase-Schutz ist die Maske zur Rücksichtnahme, die „unsichtbare Maske“ aber muss abgelegt werden.

Lesetipp:

Reinventing Organizations von Frederic Laloux, Verlag Vahlen.
Es lohnt sich, diesen „Leitfaden zur sinnstiftenden Zusammenarbeit“ mal wieder in die Hand zu nehmen, obwohl das Buch schon von 2015 ist.

Die drei Leben der Hannah Arendt von Ken Krimstein. Die Graphic Novel über die Jahrhundertdenkerin. 

Die Illusion der Gewissheit von Siri Hustvedt.
Die New Yorker Schriftstellerin geht der Frage nach der Beziehung zwischen Geist und Körper nach. 

Kreativität entsteht aus Spannung, aus Energie, aus Störungen, vor allem auch aus Leidenschaft. Aber wieviel Spannung erträgt der Mensch gerade, um der Kreativität Raum zu geben? Auch im Vertrauten prallen plötzlich Welten aufeinander: Die einen tun, als laufe für sie alles super weiter und schon in Mai werde man alles vergessen haben. Die anderen kämpfen um ihre Existenz oder im Spagat zwischen Homeschooling und Office. Wir kaufen bei Aziz im Kiosk, der tapfer öffnet, erkundigen uns, ob der Fensterputzer noch genug Aufträge hat, holen den Besuch im Charivari-Puppentheater über Youtube nach und ich freue mich, dass die Friseure Lydia und Martin sogar fragen, ob sie für blonde Strähnen vielleicht Farbe vor die Tür stellen sollen.

Wie wird das Konstruktive konkrete Zukunft?

Mit eindimensionalen Antworten werden keine komplexen Aufgaben gelöst. Können wir inmitten von harten Zahlen des exponentiellen Wachstums an visionäre Weltverbesserung denken?

Natürlich, ganz pragmatisch! Stück für Stück. Hunderte stehen spontan nach dem Aufruf zur Blutspende bereit, in der Nachbarschaftshilfe gibt es anscheinend mehr Angebote als Nachfrage. Matheformeln und Faktencheck können täglich trainiert werden.

Eine starke Unternehmenskultur macht allen Beteiligten nicht nur mehr Freude, sondern bringt mehr Leichtigkeit in die Zusammenarbeit.

Gute Zusammenarbeit scheitert nicht am Online-Meeting, an Videokonferenzen oder am mobilen Arbeiten. Gute Zusammenarbeit zeigt sich im Büro genauso wie online als Teil einer lebendigen Unternehmenskultur. Ein Videoknigge kann Formalitäten regeln. Das Spürbare für Kolleginnen und Geschäftspartner zeigt sich anders: Zuhören, anschauen, verstehen wollen, offen sein, und als Voraussetzung vor allem: Vertrauen. Die gemeinsamen Werte und Regeln, die Haltung, Respekt und Wertschätzung – dies alles zeigt sich im Handeln. Natürlich braucht es auch persönliche Treffen und nichts geht über die Intensität, die spürbare Energie. Aber die Haltung spüre ich am Telefon genauso wie online oder persönlich. Räumt jemand gerade seinen Schreibtisch auf während er mit dem Gegenüber telefoniert? Werden parallel E-Mails gecheckt? Ist die ganze Aufmerksamkeit im Videomeeting da?

Heute schon geblinkt?

Kommunikation ist so wichtig, um Konsens über diese gemeinsame Kultur zu erzielen, aber auch, um diesen Konsens immer wieder zu überprüfen.

Sonst ist es wie mit dem Blinken. Haben Sie in letzter Zeit mal geblinkt? Irgendwann im Januar habe ich mich gefragt, ob das Blinken im Straßenverkehr zu einem überflüssigen Kommunikationsmittel geworden ist?

Wenn sich im Unternehmen oder in einer Organisation eine informelle Ebene aufbaut, kann das zu Gerüchten und schlechter Stimmung führen, Zeit und Kosten verursachen oder sogar gefährden.

In einem Unternehmen oder in einer Organisation ist der Konsens darüber, was eine Unternehmenskultur ausmacht, ein großer Wert, der sich bezahlt macht. Dafür ist Vertrauen für größter Bedeutung. Menschen erleben viele kleine Dinge des Alltags als nicht mehr verlässlich – Höflichkeit, Verkehrsregeln, Umweltschutz, Ernährung. Umso größer ist die Sehnsucht danach, vertrauen zu können.

Vertrauen macht alles leichter

Die Definition des Soziologen Niklas Luhmann ist ja zum Allgemeingut geworden: Vertrauen reduziert soziale Komplexität oder ganz nach dem Bonmot: Ohne Vertrauen brauche ich morgens erst gar nicht aufzustehen. Schließlich kann nicht jeder auch Experte für Handwerk, Statistik, Medizin, Politik, Wirtschaft und Mobilität sein. Das Vertrauen in die Kompetenz von Experten hat – auch aufgrund der Transparenz und Selbstkritik – in diesen Wochen zu großer Besonnenheit geführt. Jetzt ist eine gute Gelegenheit zu zeigen, dass komplexe Sachverhalte nicht schwarz oder weiß sind, sondern den klugen Diskurs aus verschiedenen Blickwinkeln benötigen. Statt Gesundheit und Ökonomie als Gegenspieler zu betrachten, können Zukunftsszenarien mit einer vielfältig zusammengesetzten Kommission entworfen werden – aus Medizinern wie Virologen und Epidemiologen, Psychologen, Soziologen, Sozialarbeitern, Pflegekräften aus Krankenhaus, Hospiz, Heimen, Ökonomen, Selbständigen und Unternehmern, Vertretern von kranken oder behinderten Menschen und vielen weiteren Praxis- und Theorieerfahrenen.

Hoffentlich wird die Glaubwürdigkeit, die Experten gewonnen haben, die rechten Populisten zurückdrängen. Hoffentlich gilt das Vertrauen gutem Journalismus, geprüften Fakten, verschiedenen Experten-Meinungen, dem Diskus – damit wir in Zukunft keine Angst haben, rechtzeitig blinde Flecken zu entdecken, und Risikoszenarien ebenso mutig wie neue Zukünfte zu entwickeln.

Lesetipp

Der Schwarze Schwan: Die Macht höchst unwahrscheinlicher Ereignisse von Nassim Nicholas Taleb. Die Welt ist überraschend und manche Ereignisse sind nahezu unberechenbar. Auch was nie passieren dürfte, passiert.

Der Zentralfriedhof gehörte immer zu meinen Lieblingsorten. Am Tag 4 der „Kontaktsperre“ legt sich auf die tiefe sichere Ruhe, die der Ort für mich immer ausstrahlte, eine unbekannte unruhige Stille. Hunderte von gelben und lila Stiefmütterchen warten auf die Friedhofsgärtner, der Schmetterling entfaltet sich in der Sonne. Mitten in der Pandemie die Schönheit des Frühlings ohne die unbeschwerte Vorfreude.

Am Wochenende vor der offiziellen Kontaktsperre, als wir zum Schutz der Gesellschaft die Distanz schon gut trainiert hatten, hieß es am Blumenstand ganz unverblümt: „Die Alten sind immer schon gestorben, dann ist es jetzt auch wieder so.“ Meine Sprachlosigkeit war eine innere laute Stille. Wie jetzt die richtigen Worte finden, wenn es um so zentrale ethische Fragen geht: Wie gelingt es, gleichzeitig Menschen zu schützen, die ein höheres Risiko haben zu sterben, das Gesundheitssystem vorzubereiten und dabei gesellschaftlich stabil zu bleiben? Ich laufe doch in die Argumentationsfalle und verweise auf die jungen Menschen: „Wissen Sie auch, dass in Deutschland jeder Fünfte chronisch krank ist oder eine Erkrankung hat? Auch Kinder und Jugendliche haben Rheuma, Diabetes, Asthma, Autoimmunerkrankungen, kennen Sie denn keinen Krebskranken oder behinderten Menschen?“

Vor der Lambertikirche sitzt kein Bettler, ich trete ein und finde mich plötzlich in einer komplett menschenleeren Kirche. Es brennen nur wenige Kerzen vor der Statue des lächelnden Antonius und vor dem Marienbild. An diesem normalerweisen wohltuend leisen Ort rumoren in die Leere hinein Gedanken, Bilder, Fragen. Schließlich kommen zwei Tontechniker aus der Sakristei, wohl um die Kirche virtuell vorzubereiten.

Gut drei Wochen liegen zurück, als Hunderte im Rathausfestsaal während der VHS-Veranstaltung über „Sterben in Würde“ und die Palliativmedizin diskutierten. Jetzt transportieren Lastwagen in Italien die Leichen. Sterben ohne einen liebenden Angehörigen, ohne gemeinsamen Abschied? Werden wir die Würde bewahren können?

An der Litfaßsäule lächelt der Gauloises-Mann noch immer über dem Slogan „Und die Welt steht still.“ In unserer gemeinsamen Lernkurve zur Pandemie musste der erhabene Moment des Selbstvergessens in ein angespanntes Innehalten umgedeutet werden. Aus der Isolation heraus ist unsere Stadtgesellschaft schnell aktiv geworden – Hilfsangebote überall, soziale Nähe in der Nachbarschaft, für die Krankenhäuser, für sozial Schwächere, im Engagement für die Freischaffenden und Künstler.
Es ist ja kaum zwei Wochen her, dass wir auf dem Weg zu Tuğsal Moğuls Premiere „Deutsche Ärzte Grenzenlos“ im Theater waren. Aufgrund der Corona-Infektionen im Theater wurde glücklicherweise schnell entschieden, die Vorstellungen abzusagen. Statt des Blicks in den Mediziner-Alltag auf der Bühne, führt jetzt der Corona-News-Ticker in das Gesundheits- und Krankenhaussystem. Als würden wir die unmenschlichen Folgen der Ökonomisierung des Gesundheitswesens nicht schon seit Jahren beklagen. Glücklicherweise strömt den Pflegerinnen und Pflegern, den Ärzten, Physiotherapeuten und dem Personal in den Pflegeheimen eine Welle der Dankbarkeit und Wertschätzung entgegen.
Jäh aus der hohen Schlagzahl des gehetzten Alltags gerissen, ist es erstaunlich, wie gelassen sich fast alle in den räumlichen Rückzug begeben haben. Abends geht ringsum in den Wohnungen früh das Licht aus. Die erschöpfte Gesellschaft kommt zum Atmen, auch wenn es unter der grauen Glocke der Ungewissheit stattfindet. Merkwürdig, wie Zeit sich ausdehnt und gleichzeitig fliegt.
Welche Freude, wenn es in manchen Gesprächen unter Freundinnen und Freunden so gut gelingt, von der Zukunft her zu denken: Was wollen wir als Gesellschaft, wofür stehen wir, wie viel bedeuten uns die Schwachen, die Armen, die am Rande? Wenn wir uns jetzt die Welt im Jahr 2022 anschauen, wie blicken wir aus dieser Vision auf das Heute? Gute Krisenkommunikation entwickelt Worst-Case-Szenarien, damit Handeln an die Stelle von Angst tritt.
Die Chancen der Krise zu beleuchten lässt durch die eigenen vier Wände die Gemeinschaft spüren. Daneben lauert die Ungewissheit: Was kommt auf uns zu – im besten, was im schlechtesten Fall? Ist dies die Ruhe vor dem Sturm? Können wir die tiefe wirtschaftliche Rezession vermeiden? Wie geht es den Familien gerade, zu denen die Jugendämter gerade nicht gehen; wie geht es den Kindern, die in den Kitas und Schulen mit Frühstück und frischer Kleidung, mit Zuwendung und Struktur aufgefangen wurden? Wie geht es weiter mit flüchtenden Menschen?
Wie können wir mit allen gemeinsam die Wirtschaftskraft erhalten – auch um uns ein gutes Gesundheitssystem leisten zu können.
Ich versuche mir zu vergegenwärtigen, wie sich die Zeit nach Tschernobyl 1986 anfühlte. Ich frage mich das, weil ich soviel an die jungen Menschen denken muss, die jetzt gerade ins Leben starten. Einladungen zu ihren Vorstellungsgesprächen werden gecancelt, Kurzarbeit wird zum kleineren Übel, das Abi ist verschoben. Im Jahr 1986 hat es am Honig, wie ich ihn gerade aus den Baumbergen mitgebracht habe, keine Freude gegeben. Halbwertzeit.
Als der Reaktor in Tschernobyl explodierte, war ich kurz vor meinem 26. Geburtstag. Ich war politisch, habe demonstriert, war engagiert und hoffte immer, das Beste für die Gesellschaft zu tun. Bis mich im letzten Jahr meine jungen Neffen fragten, als ich ihnen zurief, sich noch stärker zu engagieren: Aber du bist doch die Generation, die uns diese Gesellschaft hinterlassen hat. Und nun, mitten in der Krise, welche Konflikte gilt es zwischen den Generationen zu lösen?
Werden wir jetzt als Gesellschaft, die 60 Jahre lang in Frieden und großem Wohlstand gelebt hat, diese Krise meistern, überwinden und dann die Welt zu einem noch besseren Ort machen? Nicht nur in Münster, in Deutschland, auch in Afrika und im Nahen Osten? Werde ich weiter am Aasee müde belächelt von den jugendlichen Paaren, wenn ich versuche, Abstand zu halten? Oder wird das Training die Tugend der Höflichkeit, egal welchen Alters, neu beleben und uns allen Druck machen, unsere Werte zu definieren und zu diesen Werten zu stehen. Der Blick auf die Welt ist in diesen Zeiten ist immer ambivalent, so wie der sonnige Frühling gleichzeitig die Ruhe vor dem Sturm des Virus sein kann. Hoffen wir gemeinsam, dass die Pandemie nicht so zerstörerisch wirkt auf unserer Welt, so dass wir eine gute Zukunft gemeinsam und in Freiheit gestalten können.

Lesetipp

Selbstbetrachtungen von Marc Aurel – für Nietzsche waren die Lebensweisheiten des Stoikers ein Stärkungsmittel. 
Alles könnte anders sein. Eine Gesellschaftsutopie für freie Menschen. Von Harald Welzer