Eine unterhaltsame Sommerausgabe wartet auf die Leserschaft des aktuellen Münsterland Magazins aus dem Tecklenborg Verlag, frisch erschienen mit einem Interview zum Münsterbuch. Talkmaster Adam Riese und ich als Autoren sind bereits mit der sechsten aktualisierten Auflage erschienen. Viel Spaß beim Lesen und auf der Entdeckungsreise durch die Stadt.

Münsterland Magazin
Das Interview zum Münsterbuch.
Das Interview zum Münsterbuch

Hier das Münsterbuch im Sommer-Interview

Die Aaseekugeln strahlten hell an diesem Sonntag im April. So hatte es sich der Künstler Claes Oldenburg wohl vorgestellt. Das musste sofort festgehalten werden. Schade, keine 24 Stunden später waren sie auch schon wieder beschmiert. Zwei Kilometer entfernt hat Donald Judd, einer der Hauptvertreter des Minimalismus, für die erste Skulpturausstellung 1977 in Münster zwei konzentrische Ringe aus Beton am Aaseeufer geschaffen. Die Skulptur ist auf diese Lage am Aasee ausgerichtet – im Innern ist der Betonring horizontal, der äußere Ring folgt dem schrägen Abhang. Dieses Kunstwerk ist eigentlich gar nicht mehr zu erkennen. Provozieren die Flächen dieser Kunstwerke so sehr oder kennt die Selbstdarstellung keine Grenzen?

Was soll das eigentlich: Im Wienburgpark markieren Besucher ihr Revier und hinterlassen an der Stelle, wo mal Abfalleimer, jetzt aber nur noch die leeren Metallaufhängungen sind, ihren Müll. Abfälle und rote Hundek…beutel leuchten dort um die Wette. Einer fühlte sich wohl ganz spitzbübisch und platzierte den gefüllten Beutel oben auf die metallene Aufhängung. Maßt man sich hier an, eigene Regeln der Abfallentsorgung aufzustellen? Dabei dürfte die tolle Werbung der Abfallwirtschaftsbetriebe Münster doch wirklich jeden erreichen – spätestens über die Litfaßsäulen.  

Für die New Yorker Künstlerin Nicole Eisenman waren Veränderung und Verfall Teil ihrer Brunnenskulptur „Sketch for a Fountain“ 2017 während der Skulptur Projekte an der Promenade. Selbst als einer der Figuren der Kopf entfernt wurde. Die Andersartigkeit der Brunnenfiguren war diesen Unbekannten die pure Provokation.

Doch trotz dieser anekdotischen Empirie beweisen zahlreiche Experimente, Studien und der Blick in die Evolution, wie altruistisch der Mensch ist und ein durch und durch soziales Wesen. Im Gegenteil sei es sogar gefährlich, den Menschen für egoistisch zu halten. Dies belegt der junge niederländische Historiker Rutger Bregman mit seinem Buch „Im Grunde gut. Eine neue Geschichte der Menschheit“. Damit bediene man nur die Self-Fulfilling Prophecy und bekomme, was man erwartet.

In der Corona-Krise erleben wir in ganz großem Maße genau das: Gemeinsinn, Einsicht, Rücksicht, Vertrauen in Politiker, Interesse an den Wissenschaften. Ich bin sehr überzeugt von der Notwendigkeit der Einschränkungen und eher skeptisch hinsichtlich mancher Lockerungen. Der Diskurs darüber hat aber viel zu spät eingesetzt, denn eine Diskussion, zu welchem Ergebnis sie auch führt, muss einer Gesellschaft zugemutet werden. Demokratie ist Diskurs.

Wenn’s im Kleinen also unverständliches Verhalten ist, reicht auch schon mal das inneres Kopfschütteln. Um die Energie in die großen Würfe zu stecken. Denn es bleibt weiter anstrengend, die Werte zu verteidigen im Alltag, sich nicht provozieren zu lassen, erst recht nicht, wenn es um Verschwörungstheorien und Populisten geht.

Aber es lohnt sich jeden Tag aufs Neue.

Lesetipp

Gebrauchsanweisung für Populisten von Heribert Prantl

Richard Sennett: Zusammenarbeit. Der Soziologe und Historiker analysiert beeindruckend unsere Arbeits- und Lebenswelten.

Filmtipp

Der US-amerikanische Science-Fiction-Film „Arrival” von Denis Villeneuve.

Eine Linguistin, gespielt von Amy Adams, entschlüsselt das Geschenk der Aliens an die Menschheit, weil sie kommuniziert statt zu spalten: Das Geschenk ist eine neue Sprache, die nichtlineare Wahrnehmung von Zeit, eine Einladung zu kommunizieren.

Parasite – der Regisseur Bong Joon-ho hält mit dieser brillianten Satire aus dem Jahr 2019 nicht nur der südkoreanischen Gesellschaft den Spiegel vor. 

Da kommt man selbst schon wieder in den Genuss eines Live-Konzerts, während den Künstlerinnen und Künstlern der Boden unter den Füßen weggezogen wurde. Existentiell getroffen sind die Kreativen, die Kulturschaffenden, die für unvergessliche Momente sorgen. Und doch ist es so wohltuend zu sehen, dass sich die Zucchini Sistaz, Götz Alsmann, Jean-Claude Séférian, Jan Klare und die Sängerin van de Forst für das Benefizkonzert „Münster für Künstler“ auf die Bühne des Autokinos Münster am Hawerkamp gegangen sind, gespielt und sich mit (Licht-)Hup-Applaus begnügt haben. Wohltuend ist es vor allem auch, die Kraft des Liveauftritts und die Energie zu spüren.

Dirk Klapsing hat die das erste Live-Klassik-Konzert Deutschlands auf die Beine gestellt und holt die Musikerinnen und Musiker mit der Reihe Drive & Live musik:landschaft westfalen zurück auf die Bühne. Kunst berührt: Der Pianist Martin Stadtfeld spielte ein bewegendes Beethoven-Konzert im Autokino Borken. Beethovens Appassionata, hoffnungsvoll geschrieben für eine bessere Welt, klingt noch lange wunderbar nach. Normalerweise treffen sich Tausende an idyllischen Orten zu diesen Klassik-Konzerten. Nun freut man sich, dass auch Parkplatz für das Autokino schön sein kann und man in die untergehende Sonne schaut.

Wir, als Zuschauer, sind in einer Luxussituation, während viele Künstlerinnen und Künstler in ihrer Existenz erschüttert sind. Ich habe Bilder und Erinnerungen von wunderbaren Theatermomenten, Konzerten, Ausstellungen, von denen man lange zehren kann. Auch als aus dem Lockdown Musiker wie Daniel Hope aus ihrem Wohnzimmer spielten, war die tiefe Verbundenheit über die Kultur zu spüren. Das Leben wäre ohne diese ästhetischen Erfahrungen, ohne die Vielfalt und die Erhabenheit von Kunst und Kultur nicht nur ärmer. Kunst und Kultur haben die Dimension, die über den Alltag hinausweist, die Visionen einer künftigen Gesellschaft möglich macht und daher so wichtig ist für die Gesellschaft.

In Münster lässt sich auch die freie Szene nicht unterkriegen und hat den Livestream Culture Club Münster gestartet. Gemeinsam produzieren das Placebotheater, die Filmwerkstatt Münster und das Eventunternehmen AE Rental den Livestream, freiwillig können Tickets gekauft werden. Adam Riese und Oliver Pauli moderieren den einstündigen Livestream, dessen tollen Start schon 2000 Zuschauer gesehen haben. (www.cultureclubmuenster.de)

Tipp:

Falls es mal keine Tickets für Live-Konzerte gibt, lohnt sich immer ein Blick in die Konzerte von Star-Violinist Daniel Hope mit Freunden – persönlich, liebevoll und mit Herz. Zunächst aus seinem Wohnzimmer, im Anschluss auf Tournee zur Unterstützung der Musikszene. https://www.arte.tv/de/videos/RC-019356/hope-home/

Lesetipp:

Beethoven. Der Schöpfer und sein Universum. Von Martin Geck

Den Besuch des Rüschhauses und des Centre for Literature auf Burg Hülshoff bzw. Online https://www.burg-huelshoff.de besuchen und vorher die Graphic Novel lesen: „Die Judenbuche“ nach Annette von Droste-Hülshoff. Von Claudia Ahlering und Julian Voloj.